von Isabel Wiedenroth
Dies ist das zweite Mal, dass ich gebeten wurde, eine Buchrezension für eine ehemalige Weggefährtin zu verfassen. Thema ist diesmal etwas, das auch mein direktes Arbeitsumfeld als Data Engineer betrifft. Selbstredend bin ich Isabels Wunsch mit Freuden nachgekommen und es war sehr ernüchternd für mich zu lernen, wie rückständig wir in Europa und insbesondere in Deutschland mit dem wichtigsten Thema des kommenden Jahrzehnts umgehen. Hier sind also meine Gedanken zu dem Thema:
Das Buch “Chinas Digitale Trends” von Isabel Wiedenroth legt ohne Umschweife den Finger in die Wunde, die Europa und besonders Deutschland mittel- aber auf jeden Fall langfristig gefährlich werden kann; die Schlafmützigkeit und Naivität, mit der hierzulande das Thema Digitalisierung betrachtet und angegangen wird.
Dass Deutschland droht, den Anschluss an die digitale Welt zu verpassen, dürfte mittlerweile jeder begriffen haben. Als andere Länder schon längst das Potential einer digitalen Welt erkannt hatten, sprach man in Deutschland immer noch vom Neuland “Internet”. Die digitale Welt wurde auf das Internet reduziert, dem in Deutschland immer noch etwas “Nerdiges” anhaftet. Kann man haben und nutzen, muss man aber nicht. Die digitale Welt wird immer noch auf Videostreaming, Schmuddelseiten und Online-Gaming reduziert und entsprechend priorisiert.
Dass Digitalisierung nicht nur etwas mit Internet zu tun hat, hat die Politik nie verstanden. Kein Wunder, reichte es in Deutschland doch, ein Handy bedienen und sich mittels SMS verständigen zu können, um Abgeordneten digitale Kompetenz zu bescheinigen.
Zweites Problem, das allerdings die EU in Gänze betrifft, ist eine rigorose DSVGO, die es Unternehmen (fast) unmöglich macht, digitale Daten sinnvoll und effektiv auszuwerten.
Dazu kommt noch eine Infrastruktur in der (noch) führenden Wirtschaftsnation in Europa, die ein völlig löchriges Mobilfunknetz hat und eine stabile Internetleitung in manchen Regionen die Ausnahme statt die Regel ist.
China hat das Potential, das sich in der Digitalisierung versteckt, längst erkannt. Das Buch “Chinas Digitale Trends” zeigt den Gegenentwurf zum europäischen Zaudern. An zahlreichen Beispielen macht die Autorin deutlich, mit welcher Effizienz die chinesische Wirtschaft die Entwicklungen der Digitalisierung antreibt und nutzt.
Ein gutes Beispiel ist das autonome Fahren. Während andere Länder den Ansatz eines denkenden Automobils verfolgen, das permanent online ist um seine Daten über eine Mobilfunkverbindung zu holen, setzt China auf den das Prinzip der vernetzten Infrastruktur für das Auto. Straßen werden zu Datenautobahnen, die das Automobil mit Informationen füttern und so leiten. Dass hierfür ein Kraftakt notwendig ist, um das Strassennetz quasi zu vernetzen, ist dabei zweitrangig.
Ein weiteres Konzept in der chinesischen digitalen Revolution sind atemberaubend kurze Entwicklungszyklen. Zahlreiche Beispiele zeigen wie Dienste, die wir nur einzeln kennen und nutzen (z.B. WhatsApp und Paypal) zu einem Produkt kombiniert werden. Eine Chinesein, der/die sich nach Europa verirrt, reibt sich wahrscheinlich verwundert die Augen, dass hier immer noch alle Services getrennt angeboten werden. Das hat zu einen natürlich mit restriktiveren Gesetzen zu tun, aber auf der anderen Seite macht sich Europa, was die Digitalisierung angeht, komplett von US-Technologie abhängig. Wenn ein deutsches Unternehmen in die Cloud will, muss es zwischen den großen Playern Amazon, Google und Microsoft wählen. Die europäische Initiative GAIA-X steckt immer noch in der Anfangsphase. Und es ist ein Offenbarungseid, dass Europa für die Implementierung von GAIA-X Amazon. Google und Microsoft ins Boot holen will. Das ohnehin kaum vorhandene Vertrauen der Wirtschaft in die digitale Kompetenz Europas wird damit vollends untergraben.
China dagegen hat sich (notgedrungen) schon lange von ausländischer Technologie unabhängig gemacht, betreibt mit Alibaba einen eigenen Cloud-Provider und ist auch in anderen Bereichen mittlerweile auf eigene Produkte; während in Europa und in Deutschland immer noch das Märchen von der Copy-Paste-Mentalität erzählt wird.
Dabei ist es in diesem Fall eher umgekehrt. Europa würde gut daran tun, die ein oder andere Idee aus China abzugucken, um auch hierzulande die digitale Revolution einzuleiten. Dazu reicht es nicht, gebetsmühlenartig die Industrie 4.0 oder das IoT zu beschwören, gleichzeitig aber immer noch im Schneckentempo Kabel für die Datenübertragung zu verlegen. Während anderswo (nicht nur in China) längst die drahtlose Datenübertragung flächendeckend Einzug erhält und dadurch parallel ein einhundert Prozent funktionierendes Mobilfunknetz bis in den letzten Winkel des Landes schafft.
Natürlich wird nicht verschwiegen, dass China bei seinem digitalen Vormarsch durch die vorherrschenden politischen Bedingungen begünstigt wird. Ein chinesischer Internetkonzern muss sich nicht mit Datenschutz herumplagen. Gleichzeitig muss er sich aber auch darüber im Klaren sein, dass sein Tun genau beobachtet wird und von der chinesischen Regierung u.U. eingefangen wird, wenn der Einfluss und die Macht der Partei zu groß wird.
Schlussendlich zeigt das Buch auch das Potenzial auf, das in einer sinnvollen Zusammenarbeit mit China auf dem digitalen Sektor steckt. Aber hier ist die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen zu bereiten. Es ist nicht damit getan, Europas Digital Trends der Verantwortung seiner Wirtschaft zu übertragen. China hat vorgemacht, wie es geht.
Fazit: Mit seiner geringen Seitenzahl bietet “Chinas Digitale Trends” einen kompakten aber dennoch vollständigen Einblick in das digitale Herz im Reich der Mitte und wie es schlägt. Es gehört auf den Nachttisch eines jeden deutschen oder europäischen Entscheiders in Wirtschaft und/oder Politik.